Zwei deutsche Erstaufführungen!

Zwei deutsche Erstaufführungen!

Am kommenden Wochenende erklingen gleich zwei deutsche Erstaufführungen im Konzertprogramm TRIPTYCHON: Maurice Schoemakers Brueghel Suite und Klaas Coulembiers Der Garten der Lüste. Wir stellen beide Werke hier ausführlich vor!

„Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“

Dem Beethoven’schen Diktum folgend, Musik sei „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“, nähert sich der belgische Komponist Maurice Schoemaker den Bildern von Pieter Bruegel des Älteren nicht als bloßer Klangillustrator, sondern als sinfonischer Gestalter innerer Resonanz. Seine Brueghel Suite, 1928 entstanden und nun erstmals in Deutschland zu hören, versteht sich nicht als musikalisches Abbild einzelner Gemälde – wie etwa Modest Mussorgskys Bilder einer Ausstellung –, sondern als Variationszyklus über ein zentrales Thema, das die emotionalen Impulse bündelt, die Brueghels Kunst im Komponisten auslöste.

Brueghels Landschaften besitzen eine eigentümliche Sogkraft. Ihre Tiefe entsteht nicht allein durch mathematische Perspektive, sondern durch ein vielschichtiges Über- und Ineinander: Bäume werden „eingeflochten“, hintere Äste von vorderen überdeckt, Figuren staffeln sich in Ebenen. Fein abgestufte Farbtöne verstärken die Raumillusion. Diese Technik des Schichtens, Überdeckens und Durchscheinens findet in Schoemakers Musik ihr strukturelles Gegenstück. Klanggruppen treten hintereinander, überlagern sich, verdecken und enthüllen einander – Raum entsteht im Hören.
Zugleich sind Brueghels Werke „Wimmelbilder“: bevölkert von unzähligen Figuren, die das Alltägliche, das Festliche, das Derbe und das Andächtige nebeneinander zeigen. Mit scharfem Blick überliefert der Maler das gesellschaftliche Leben seiner Zeit – Prozessionen, Jahrmärkte, Zünfte, Liebespaare oder religiöse Rituale. Diese soziale Vielstimmigkeit spiegelt sich in Schoemakers orchestraler Faktur: Tänzerische Episoden, marschartige Abschnitte, lyrische Innigkeit und klangprächtige Steigerungen stehen einander gegenüber wie Szenen auf einer Leinwand.

Wiederentdeckung nach 100 Jahren
Das Werk wurzelt in einem kulturhistorisch bemerkenswerten Kontext: 1925 schlossen sich sieben Schüler des Komponisten Paul Gilson – darunter Schoemaker – zur Gruppe Les Synthétistes zusammen. Ziel dieses ersten belgischen Komponistenkollektivs war es, die modernen musikalischen Strömungen ihrer Zeit zu „synthetisieren“ und in klar umrissene Formen zu überführen. In einer Phase, in der Belgien kaum über professionelle Symphonieorchester verfügte, schufen sie ihre groß angelegten Werke, bewusst auch für Blasorchester. Erst durch die Forschungen des Dirigenten Luc Vertommen wurden diese Werke kürzlich wiederentdeckt und neu editiert. Schoemaker, weitgehend Autodidakt, bewahrte sich einen eigenständigen, spätromantisch geprägten Stil. Reichhaltige Orchestrierung, klangliche Opulenz und programmatische Bildhaftigkeit kennzeichnen seine Tonsprache. Ein volksliedhaftes Thema im Englischhorn und der Klarinette bildet den Kern der Brueghel-Suite. Im Präludium wächst es aus andächtiger Sammlung zu gesteigerter Verherrlichung – vielleicht hat es damit eine klangliche Entsprechung zu Brueghels „Kreuztragung Christi“ (1564). Das Scherzo ruft mit Reigentänzen und derben Klangfarben eher das ausgelassene Treiben einer Kirmes wach (vgl. „Kirmes von Hoboken“, um 1559), während der dritte Satz (Marsch) die stolzen Zunftumzüge evoziert, wie sie auf Brueghels Bildern häufig zu finden sind. Ein idyllisches Nocturno öffnet sodann als vierter Satz einen eher intimen Raum: Zarte Linien zeichnen das Liebespaar nach (u.a. „Kirmes von Hoboken“), das, – versunken ineinander – die geschäftige Umgebung vergisst. Man mag hier vielleicht Anklänge an die Musik Percy Graingers heraushören wollen, doch frappierend bleibt, dass die Brueghel-Suite deutlich vor jenen berühmten (Blasorchester-) Kompositionen Graingers (wie z.B. Lincolnshire Posy oder Molly on the Shore) entstand. Das Finale lebt von der Kontrastierung zweier, aus der ursprünglichen Keimzelle etablierten Themenvariationen: einem synkopierten, tänzerischen Motiv im 2/4-Takt und einem eher lyrisch gestalteten Thema im 6/8-Takt, das Schoemaker aus dem vierten Satz übernimmt. Pfiffig gestaltete Engführungen der einzelnen Themen, geschickte Bündelungen beider Themen und farbenreiche Steigerungen prägen diesen finalen Satz und führen zu einem wirkungsvollen, energiegeladenen Abschluss der Suite. So entstehen aus Brueghels Stimmungslandschaften bei Schoemaker große Klangbilder – nicht als Malerei in Tönen, sondern als sinfonischer Ausdruck innerer Bewegung.

(Originalbeitrag im Programmheft TRIPTYCHON, © Jens Schröer, 2026)