Grußworte des Komponisten Klaas Coulembier

Grußworte des Komponisten Klaas Coulembier

Klaas Coulembier, der Komponist von Der Garten der Lüste hat es sich nicht nehmen lassen, Euch und uns eine Grußbotschaft zu schicken. In seinem Video erklärt er sein Werk und gibt spannende Einblicke… und wer noch wissbegieriger ist, darf schon einen Blick in den Programmhefttext nehmen.

Bild wird zu Klang, Symbol zu Struktur
Ganz anders hingegen Klaas Coulembiers Vertonung Der Garten der Lüste, die direkten Bezug auf Hieronymus Boschs gewaltige Bilderwelt und dessen gleichnamiges Triptychon nimmt und das Bildhafte in die Ebene der Zeit übersetzt. Das monumentale Triptychon Boschs entfaltet – von links nach rechts – eine dramatische Bildfolge aus Paradies, irdischem Lustgarten und Hölle. Diese Dreiteiligkeit bestimmt nicht nur die äußere Form der Komposition, sondern auch ihre innere Entwicklung: vom lichten Beginn über eine zunehmend überbordende Mittelsektion bis hin zu einem apokalyptischen Finale.
Eine besondere Rolle spielt dabei ein Detail der rechten Bildtafel. In Boschs Höllendarstellung finden sich überdimensionale Musikinstrumente, mit denen die Verdammten gequält werden. Auf dem Gesäß einer Figur sind deutlich Notenlinien und Tonzeichen erkennbar. Diese dort abgebildete Melodie bildet das eigentliche Keimmotiv der gesamten Komposition. Sie wird nicht nur zitiert, sondern dient als strukturelles Fundament: Aus ihr werden Themen, Gegenstimmen, harmonische Fortschreitungen und rhythmische Gestalten entwickelt. Das Gemälde selbst liefert somit das musikalische Ausgangsmaterial – Bild wird zu Klang, Symbol zu Struktur.

Paradies, irdischer Lustgarten und Hölle

Zu Beginn steht das linke Panel des Triptychons: das Paradies mit Adam und Eva. Die Szene wirkt licht, fast entrückt. Selbst die Gestalt Gottes bleibt ambivalent – dargestellt nicht als greiser Vater, sondern als jugendliche Christusfigur. Diese Reinheit und Offenheit übersetzt die Musik in eine schwebende Klanglichkeit. Die aus der Höllenmelodie gewonnene Grundidee erscheint zunächst in hohen, gläsernen Farben – Glockenspiel, Vibraphon, Röhrenglocken und Harfe lassen das Motiv wie von innen heraus leuchten. Subtile Anspielungen auf die Vierte Symphonie (letzter Satz) von Gustav Mahler – insbesondere auf das Lied Das himmlische Leben – erweitern diese Sphäre. Mahlers Vertonung himmlischer Unschuld wird hier zur musikalischen Entsprechung der paradiesischen Szene. Die nachfolgend eingewobenen Holzbläserfiguren können als Vogelrufe – die Schönheit der Natur aufzeigend – oder als Spiegelungen des Wassers im Brunnen wie sie Bosch malt, gedeutet werden. Doch trotz aller Helligkeit schimmern bereits feine harmonische Spannungen durch – wie Vorahnungen dessen, was folgen wird.

Mit der Öffnung der mittleren Tafel betreten wir den eigentlichen Garten der Lüste. Bosch zeigt eine überbordende Welt voller nackter Figuren, fantastischer Kreaturen und überdimensionierter Früchte – insbesondere Erdbeeren als Sinnbild vergänglicher Sinnlichkeit. Die Menschen wirken sorglos, fast hedonistisch; zugleich schwingt eine moralische Warnung mit. Das scheinbar Paradiesische trägt bereits den Keim der Übersteigerung in sich. Musikalisch entfaltet sich nun ein neues Thema, ebenfalls aus der ursprünglichen „Höllenmelodie“ abgeleitet, jedoch in veränderter Gestalt. Das erste „irdische“ Thema wird zunächst zurückhaltend im tiefen Blech vorbereitet, um dann in voller Pracht von den Klarinetten gespielt zu werden. Es spiegelt die naive Freude der dargestellten Figuren wider. Synkopierte Rhythmen und asymmetrische Metren verleihen dem Geschehen daraufhin eine tänzerische, leicht taumelnde Qualität. Im weiteren Verlauf verdichten sich die Klangfarben: Die Saxophone mit ihrem warmen, üppigen Timbre übernehmen die Führung; Dissonanzen schieben sich ineinander wie die Körper im Bild. Ein sinnliches Posaunensolo, intime Dialoge zwischen Horn und Euphonium und flirrende Bewegungen im Orchester lassen die Szene zwischen Verführung und Überreiz kippen. Im Zentrum des Bildes zieht eine Prozession im Kreis – ein Motiv rastloser Bewegung. Diese Kreisform findet ihr musikalisches Pendant in einer (schulmeisterlichen) Fuge: Mehrere Stimmen verfolgen einander, überlagern sich, jagen sich selbst. Doch die Ordnung gerät aus den Fugen. Durch metrische Verschiebungen steigert sich die Energie. Das Material verdichtet sich, das Tempo zieht an – die Musik scheint sich selbst zu überholen.

Schließlich verkündigen dissonante Trompetensignale den Tag des Jüngsten Gerichts und damit den Übergang zur rechten Tafel an: die Hölle. Bosch entwirft hier eine düstere Landschaft voller grotesker Dämonen, symbolischer Bestrafungen und albtraumhafter Kreaturen. Besonders prägnant sind die monströsen Musikinstrumente – Sinnbilder einer pervertierten Klangwelt.
In der Komposition verdichtet sich nun das aus dem Gemälde gewonnene Grundmaterial in rhythmischer Schärfe. Aus einem zunächst, leise einsetzenden, insistierenden Puls heraus, der sich unaufhaltsam steigert, gewinnt das Finale – mit deutlichen Anklängen an Igor Stravinskys Le Sacre du Printemps – eine archaische, eruptive Energie. Dabei treiben mehrfache metrische Modulationen die Musik unerbittlich voran. Ein harmonisches Oszillieren zwischen Hell und Dunkel wird schließlich zum Motor, der das Werk seinem fatalen Höhepunkt zuführt.

Im letzten Moment erscheint die reine Grundmelodie – jene aus Boschs Höllendetail gewonnene Keimzelle – noch einmal im Glockenspiel. Doch sie erklingt nunmehr in Moll über einem Dur-Akkord… und noch dazu ihres letzten Tons beraubt! Coulembier schreibt: „Ich wollte das himmlische Element aus der linken, himmlischen Tafel wiederaufgreifen – daher die Melodie im Glockenspiel – und es zugleich mit einer ‚irdischen‘ Dissonanz in den ein- und ausblendenden Akkorden verbinden.“ Ein schillernder, mehrdeutiger Schluss. Wie das Gemälde selbst bleibt auch die Komposition bewusst ambivalent. Ist der Garten der Lüste moralische Warnung, Vision verlorener Unschuld oder Ausdruck grenzenloser Fantasie? Die Musik gibt keine eindeutige Antwort. Sie folgt Boschs Idee einer Welt zwischen Verführung und Verdammnis – und macht hörbar, was das Bild seit Jahrhunderten sichtbar macht: die Faszination und Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz.

(Originalbeitrag im Programmheft TRIPTYCHON, © Jens Schröer, 2026)