Klang gewordene Bildwelten – Nachbericht zum Konzertprojekt TRIPTYCHON

Klang gewordene Bildwelten – Nachbericht zum Konzertprojekt TRIPTYCHON

Seit nunmehr fünfzehn Jahren steht die Bläserphilharmonie Osnabrück für außergewöhnliche Konzertprojekte mit klarem künstlerischem Anspruch – und mit ihrem Programm TRIPTYCHON – gefördert durch die OLB-Stiftung – ist dem Ensemble unter der Leitung von Jens Schröer einmal mehr ein eindrucksvoller Wurf gelungen. Sowohl in Osnabrück als auch in Damme erlebte das Publikum einen fulminanten, facettenreichen Konzertabend, der mit gleich zwei deutschen Erstaufführungen auch programmatisch Maßstäbe setzte.

Das dramaturgisch als Triptychon angelegte Programm entfaltete im Kirchenraum eine besondere Wirkung: Die Verbindung von Raum, Klang und bildender Kunst wurde hier nicht nur konzeptionell, sondern unmittelbar sinnlich erfahrbar. Trotz der naturgemäß hallreichen und damit herausfordernden Akustik gelang es dem Orchester, bemerkenswert transparent zu musizieren – selbst dichte Strukturen blieben durchhörbar, sodass etwa die dahinpeitschenden, hoch virtuosen Läufe in Václav Nelhýbels Trittico ihre Kontur behielten und nicht gänzlich im Raumklang verschwammen.

Zwei deutsche Erstaufführungen

Eine besondere Entdeckung war die Brueghel Suite von Maurice Schoemaker, die in einer ersten Edition von Luc Vertommen rund 100 Jahre nach ihrer Uraufführung erstmals in Deutschland erklang. Das Werk erwies sich als unbedingt spielenswerte Bereicherung des klassischen Blasorchesterrepertoires – absolut auf Augenhöhe mit Größen wie Percy Grainger, Gustav Holst oder Ralph Vaughan Williams – aber eben mit belgischem Esprit, bei dem die Gruppe der Synthétistes, zu denen Schoemaker gehörte, versuchte, die modernen musikalischen Strömungen ihrer Zeit zu „synthetisieren“ und in klar umrissene Formen zu überführen. Dabei zeigt Schoemakers Tonsprache ein eigenständiges Profil: etwas eckiger, kantiger, dabei zugleich von großer, gar spätromantischer Farbigkeit und meisterhaftem kompositorischem Zugriff. Die vielschichtigen Überlagerungen und klanglichen „Schichtungen“ ließen Brueghels Bildwelten eindrucksvoll hörbar werden.

Nicht minder eindrucksvoll war die zweite deutsche Erstaufführung: Der Garten der Lüste (The Garden of Earthly Delights) von Klaas Coulembier. Dieses hierzulande noch wenig bekannte Werk entfaltet eine faszinierende Klangwelt voller frischer, teils völlig neuer Klangfarben. Besonders beeindruckend ist Coulembiers kompositorischer Ansatz, das gesamte musikalische Material aus einer einzigen, im gleichnamigen Gemälde von Hieronymus Bosch verborgenen Keimzelle zu entwickeln. Der daraus erwachsende Reichtum an Harmonik, Melodik und vor allem rhythmischer Vielfalt ist außergewöhnlich und sucht seinesgleichen. Das Höchststufenwerk verband strukturelle Stringenz mit eruptiver Ausdruckskraft und zog das Publikum spürbar in seinen Bann.

Demgegenüber zeigte Thorsten Wollmann in Aquarell eine ganz andere, klanglich introvertierte Seite des Programms. Gerade im Kirchenraum gewann dieses Werk durch seine fließenden Linien und transparenten Schichtungen eine besondere Intensität. Ganz seiner Konzeption folgend ließ die Musik die Ästhetik der Maltechnik in sich aufgehen: Farben schienen ineinander zu verlaufen, Linien sich aufzulösen und neu zu formieren – ein leiser, aber nachhaltiger Höhepunkt des Abends.

Brillianz an der Posaune: Martin Räpple

Das zentrale Solowerk, das Posaunenkonzert Colors von Bert Appermont, wurde von Martin Räpple (Osnabrücker Symphonieorchester) mit beeindruckender Virtuosität und musikalischer Feinsinnigkeit gestaltet. Besonders im zweiten Satz „Red“ brillierte er mit keckem, beweglichem Spiel, während er im dritten Satz seine Cantilenen förmlich „singen“ ließ und damit eine berührende lyrische Tiefe entfaltete. Auch im Zusammenspiel mit dem Orchester überzeugte die Balance zwischen solistischer Brillanz und klanglicher Einbettung.

Den Abschluss eines rundum gelungenen Konzertabends bildete eine Zugabe von besonderer Innigkeit: Mit „Angelo del Cielo“ aus dem Einakter Triptychon von Giacomo Puccini entließ die Bläserphilharmonie ihr Publikum, das sich mit stehenden Ovationen bedankte, in einer elegischen Stimmung. Noch einmal wurde die Posaune zur „singenden“ Stimme – ein leiser, poetischer Ausklang nach einem Konzert, das in seiner künstlerischen Geschlossenheit und programmatischen Originalität lange nachwirken dürfte.